Foto: Gonzalo Garcia von dieschulschachprofis.ch

Im zweiten Beitrag unserer Serie «[link blog="127"]» stellen wir Ihnen positive Faktoren des Schachspiels vor. Wahrscheinlich sind Sie als Leser dieses Textes bereits vom Spiel der Könige überzeugt. Dennoch ist es sinnvoll, sich die vielseitigen Vorteile vor Augen zu halten. Dabei soll das Schachspiel keineswegs als Wundermittel präsentiert werden. Vielmehr geht es um die kompakte Schilderung von Praxiserfahrungen und Studienresultaten.

Wahrscheinlich sind Sie einverstanden, wenn wir sagen, dass Schulen nicht nur stur Wissen und Können vermitteln sollten. Stattdessen sollten Kinder zu Erwachsenen mit Herz, Respekt und Charakter heranreifen. Das Schachspiel trägt zweifelsfrei zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen bei. Es kann als Lebenschule verstanden werden, die auf spielerische Art Kernkompetenzen vermittelt.

Im deutschsprachigen Raum hat insbesondere die vierjährige Studie der Universität Trier für Aufsehen gesorgt. Dabei wurde eine Grundschulklasse regelmässig im Schachspiel unterrichtet, während dem eine Vergleichsklasse dem üblichen Lehrplan folgte. Die Ergebnisse der Schachklasse sollen an dieser Stelle nur kurz zusammengefasst werden:

  1. Vor allem in den ersten beiden Jahren konnte eine signifikante Konzentrations- und Wahrnehmungsvermögenssteigerung festgestellt werden. Insbesondere leistungsschwache Schüler scheinen besonders stark zu profitieren.
  2. Nach dem zweiten Jahr liess sich ein deutlicher Intelligenzanstieg erweisen.
  3. Deutlich höhere Werte bei der Leistungsmotivation und Sozialkompetenz nach drei bzw. vier Jahren.

Zahlreiche andere Studien auf der ganzen Welt präsentieren ähnliche Ergebnisse. Die Zaire Studie (Kongo) von 1973-1974 kommt unter der Leitung von Dr. Albert Frank zum Schluss, dass Schach lernen einen positiven Einfluss auf die Entwicklung numerischer sowie verbaler Fähigkeiten hat. Prof. Stuart Margulies gelang es in einer US-Studie, verbesserte Lesefähigkeiten bei schachspielenden Kindern nachzuweisen. Die Effekte waren bei dieser Studie selbst auf 0.01 Level signifikant. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit von Zufälligkeit dieses Resultates unter 1% liegt.

Erfahrungen von Lehrern, Schachtrainern aber auch Eltern bestätigen die positiv gemessenen Effekte aus Studien. Wie es dem Schachspiel beispielsweise gelingt, die Lesefähigkeit zu verbessern, ist weit weniger gut erforscht. Bisher können für die Gründe solcher Ergebnisse lediglich Vermutungen angestellt werden, welche uns hier allerdings nicht weiter beschäftigen sollen. Die Gehirnforschung dürfte in der Zukunft einige Antworten liefern.

Konzentration

Lehrpersonen klagen vermehrt über die nichtvorhandene Konzentrationsfähigkeit heutiger Kinder. Diese Erkenntnis ist nicht erstaunlich, wenn wir uns die Wohlstandsgesellschaft mit permanenter Unterhaltung und Überflutung der Reize vor Auge halten. Sollten wir dagegen steuern? Ja, da es sich hier längst nicht mehr um Einzelfälle handelt. Manche Pädagogen sprechen davon, dass über 50% der Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten kämpfen.

Das Problem wurde anerkannt und hat sich als neue Volkskrankheit unter dem Namen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) etabliert. Die Pharmaindustrie hat das potenzielle Geschäftsfeld auch bereits für sich entdeckt und bietet entsprechende Pillen an. Wir glauben, dass Schach ein wesentlich besserer Versuch ist, Aufmerksamkeitsdefizite zu korrigieren.

Die Folgen von Konzentrationsstörungen sind offensichtlich und lösen oft eine Negativspirale aus. Betroffene Schüler sind nicht in der Lage den geforderten Unterrichtsstoff aufzunehmen. Schnell geraten sie gegenüber anderen Kindern in Rückstand und verkaufen sich unter den eigenen Möglichkeiten. Dies ist deprimierend und löst Frustrationen aus. Aufgrund von schlechten Noten steigt häufig der Druck aus dem Elternhaus und erste Konflikte sind vorprogrammiert. Später werden wir sie als Problemkinder oder «schwer erziehbar» abstempeln, obwohl der Auslöser evtl. zu beheben war.

In der Ruhe liegt die Kraft

Die genaue Herkunft dieses alten Sprichwortes ist nicht bekannt, aber es ist aktueller denn je! Die hektische Gesellschaft raubt uns die nötigen Ruhephasen. Viele Erwachsene sind sich dem Problem eigentlich bewusst, leiden aber dennoch unter dauernder Erschöpfung. Die Anforderungen an Primar- und Oberstufenschüler scheinen laufend zu steigen. Nachhilfeangebote spriessen wie Pilze aus dem Boden. Es muss davon ausgegangen werden, dass viele Eltern überdurchschnittliche Leistungen von den eigenen Kindern fordern. Je mehr Väter und Mütter überdurchschnittliche Noten fordern, desto schwieriger wird es für Kinder, ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Dies lässt sich mit einfacher Mathematik erklären und hat nichts mit fehlendem Einsatzwillen zu tun.

Manche Tagespläne von Mädchen und Knaben sind mit denen von Kaderleuten zu vergleichen. «Entspannen» ist für die Betroffnen ein Fremdwort und führt dazu, dass sie den Begriff «Ruhe» falsch interpretieren. Gestresste Kinder verwechseln Ruhe mit Langeweile und fühlen sich in solchen Phasen unwohl. Schach ist eine Möglichkeit Ruhephasen in einem ersten Schritt durch intrinsische Motivation zu fördern. Im Englischen kann dies treffend mit «slow down and concentrate on one thing» auf den Punkt gebracht werden.

Dabei dürfen keine Wunder erwartet werden! In der Regel stellen sich aber bereits nach ein paar Wochen erste Erfolge ein. Ein guter Schachlehrer wird den Kindern vermitteln können, dass ihnen das Nachdenken über Schachpostionen wesentlich einfacher fällt, wenn nicht gleichzeitig eine Partystimmung im Raum herrscht. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Schach keineswegs mit Entspannung gleichzusetzen ist. Schliesslich läuft das Gehirn bei vollständiger Konzentration auf Hochtouren. Fühlen sich die Schüler in einer akustisch stillen Umgebung aber erst einmal wohl, fällt ihnen das richtige Relaxen wesentlich leichter.

Chancengleichheit und Integration

Wir brauchen uns nichts vor zu machen: Eine totale Chancengleichheit wird es nie geben. Das Schachspiel kann aber helfen, die Chancenungleichheit zu verringern. Die Trier-Studie und Praxiserfahrungen zeigen, dass insbesondere «lernschwache» Schüler vom Schachunterricht profitieren. Oftmals sind dies Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien, welche sich keinen Privatunterricht leisten könnten.

Ein gutes Schach in der Schule Projekt basiert weder auf Leistungsdruck noch auf Zwang und benötigt eine Menge Zeit. Kinder sollen spielend mit innerer Freude Kernkompetenzen entwickeln. Schüler mit Lernschwierigkeiten scheinen diese Chance ausserordentlich oft wahrzunehmen. Ob dies bewusst oder unbewusst geschieht, ist nebensächlich. Wir brauchen jedoch nicht zu erwarten, dass aus sogenannten «Problemkindern» reihenweise Genies hervorgehen. In Hollywoodfilmen wie «Good Will Hunting» wird das schön inszeniert, solche Beispiele bleiben aber die Ausnahme. Wenn durch Schach das Selbstwertgefühl, die Konzentrationsfähigkeit und die Motivation nachzudenken gefördert werden kann, dürfte dies aus gesellschaftlicher Sicht dennoch wertvoll investierte Zeit sein.

Das Schachspiel ist in unserer globalisierten Welt aus Integrationssicht ebenfalls eine nützliche Sache, da es sowohl in der morgen- wie auch in der abendländischen Kultur verankert ist. Schach bildet Brücken zwischen Kinder verschiedener Herkunft, Hautfarbe, Alter und Geschlecht. In einer vorbildlichen Schachlektion tauschen sich Kinder intensiv untereinander aus. Sie spielen gemeinsan und erklären sich gegenseitig die Regeln, falls etwas vergessen wurde. So können persönliche Beziehungen vertieft werden und es bilden sich Freundschaften. In der Schweizer Schachszene sind dutzende Beispiele von gelungener Integration aus Ländern wie Afghanistan, Russland, Kosovo oder Armenien bekannt.

Veränderung der Denkweise

In der breiten Gesellschaft wird Schach unabdingbar mit «Plan und Strategie» in Verbindung gebracht. Dies mag zweifelsohne korrekt sein, zielt aber eher auf die Denkweise von Vereinsspielern ab. Kinder oder allgemein Anfänger sind zu Beginn nicht in der Lage langfristige strategische Entscheidungen zu treffen.

Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass schachspielende Schüler das räumliche und vorausschauende Denken stärken. Weiterhin wird die Fähigkeit des Problemlösens verbessert. Kinder lernen verschiedene Optionen gegeneinander abzuwägen und die eigenen Urteile kritisch zu hinterfragen. Der Schachspieler fällt immer wieder neuen Überraschungen zum Opfer, lernt aber auch, Gelegenheiten beim Schopfe zu packen. Eine kleine Änderung in einer Stellung kann die ganze Bewertung auf den Kopf stellen. Somit kann Schach nicht per Autopilot gespielt werden und erfordert eine enorme Wachsamkeit.

Schach macht klug!

Foto: Gonzalo Garcia von dieschulschachprofis.ch

Ausserdem ist es beim königlichen Spiel erforderlich, sich in die Situation des Gegenübers hineinzuversetzen. «Was wird sein nächster Zug sein?» Ist eine typische Fragestellung eines Schachspielers. Jugendliche werden diese Erfahrungen beispielsweise bei der Suche nach einer Lehrstelle im Bewerbungsgespräch einsetzen können. «Was wird er mich Fragen?» oder «Was erwartet ein Lehrmeister von mir?» sind typische praktische Anwendungen.

Persönlichkeitsentwicklung

Das Schachspiel trägt (genau so wie andere Sportarten) zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen bei. Beat Rüegsegger ist Realschullehrer und in der Schweizer Schachszene als langjähriger Turnierorganisator bestens bekannt. In der von ihm verfassten Broschüre «Schach in der Schule» identifiziert er unter dem Stichwort «Klassengefüge» verschiedene Schülertypen:

Der Schüchterne

Er wird von der Klasse nicht wirklich ernst genommen und in einigen Fällen gehänselt oder ausgelacht. Vielleicht besitzt er eine besondere Schachbegabung, die nur darauf wartet, aktiviert zu werden. Erfolge im Schachunterricht geben ihm Selbstvertrauen und machen ihm klar, dass er gegen seine Mitschüler zu bestehen vermag.

Der Rastlose

Er ist vorlaut, weiss alles besser und fordert ein schnelleres Tempo. Er wird verstehen, dass «schnell sein» im 100 Meterlauf zum Sieg führt, beim Schachspiel aber nicht. Die ersten Stunden gestalten sich für ihn eher schwierig. Nach und nach wird er sich besser konzentrieren, verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abwägen und ein Handeln, ohne nachzudenken unterlassen.

Der Flüchtige

Er ist unordentlich und oberflächlich. Er kann sich nur schwer in ein Gefüge einordnen und sich an Abmachungen halten. Beim Schachspiel hat auch er sich an vorgeschriebene Regeln zu halten und muss Verantwortung für seine eigenen Entscheidungen übernehmen.

Der Aussenseiter

Er distanziert sich von seinen Mitschülern und trägt nur wenig für den internen Austausch bei. Er wird sich beim Schachspielen mit seinem Gegenüber beschäftigen müssen. Der Aussenseiter wird sich in die Lage seiner Klassenkameraden hineinversetzen. Dies wird ihm helfen, engere Kontakte zu knüpfen.

Die Lehrperson

Die Lehrperson schlüpft aus der klassischen Chefrolle heraus und wird zur Spielpartnerin. Sie befindet sich beinahe auf der gleichen Ebene wie die Schüler und kann dadurch ein tieferes Vertrauensverhältnis aufbauen. Das Klassenklima dürfte sich dadurch verbessern und positiv auf andere Unterrichtsstunden auswirken.

Fazit

Dieser Artikel weist eine beachtliche Länge auf und ist dennoch alles andere als vollständig. Wahrscheinlich sind Sie in der Lage noch weitere positive Faktoren zu nennen. So lehrt das Schachspiel «Gewinnen und Verlieren», verbessert die Visualisierung oder kann die Bindung innerhalb einer Familie stärken.

Während dem Schachunterricht vergessen Kinder oftmals die Zeit und aus Schulpflicht wird plötzlich Schulspass. Dank intrinsischer Motivation zeigen sie unbändigen Einsatz und entwickeln wichtige Kernkompetenzen. Kurz: Das Schachspiel ist für den Geist, was die Bewegung für den Körper ist.

Die Verbesserung von schulischen Leistungen ist ein Nebenprodukt des Schachspielens. Viele durch Schach erlernte «Skills» helfen den Kindern später in Leben und sind nicht bloss schachspezifisch. Wie wir zu einem späteren Zeitpunkt noch darlegen werden, sollten Kinder im Schachunterricht nicht auf Leistung getrimmt werden. Stattdessen steht das spielerische Lernen ohne Druck und mit viel Zeit im Vordergrund.

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