Foto: Gonzalo Garcia von dieschulschachprofis.ch

Im vierten Teil unserer Blogreihe über «[link blog="127"]» sollen die Anforderungen an Lehrpersonen hervorgehoben werden. Sollen Lehrer oder Schachtrainer in der Schule das königliche Spiel vermitteln? Dieses Thema wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert und es gibt keine eindeutigen Antworten.

Grob kann von zwei verschiedenen Anforderungen gesprochen werden. Zum einen sind Schachkenntnisse zum anderen pädagogische Fähigkeiten nötig. Diese Kombination lässt die Geister scheiden, ob nun Lehrpersonen oder Schachtrainer dozieren sollten. Der deutsche Schachbund hat deswegen das «Schulschachpatent» eingeführt. In einem Wochenendseminar werden die wichtigsten Kompetenzen vermittelt. Patentinhaber sollen anschliessend in Schulen als qualifizierte Schachlehrer unterrichten können.

Eine vergleichbare Ausbildung wird vom schweizerischen Schachbund nicht angeboten. Zudem häufen sich Stimmen, dass ein Wochenendseminar keine ausreichende Ausbildung gewährleistet. Die Erfahrung zeigt, dass sich Lehrer beim Schachunterrichten nicht besonders wohl bzw. überfordert fühlen. In der Regel fehlt der fachliche Hintergrund zum Schachspiel.

Schachliche Qualifikation

Dieser Abschnitt richtet sich hauptsächlich an klassische Schullehrer. Wir gehen schwer davon aus, dass alle Schachtrainer die nötigen fachlichen Kompetenzen für einen Kinderschachkurs besitzen. Für den Schachunterricht in der Schule muss die Lehrperson einige Fachkompetenzen mitbringen. Wie tief dieses Wissen gehen sollte, hängt von der Länge des Kurses ab und kann somit nicht pauschal beantwortet werden. Geht es nur darum die Grundregeln zu vermitteln oder sollen Kinder auch einige Mattverfahren wie zum Beispiel Dame + König vs. König lernen?

Der Pädagoge muss auf jeden Fall, sattelfest mit den Schachregeln vertraut sein. Die [link blog="122" title="Spezialzüge"] wie Rochade, en-Passant oder Bauernumwandlung sollten kein Nachdenken erfordern. Ebenso ist es von Vorteil, wenn der Lehrer ein Schachvokabular intus hat. Was ist eine Linie, Reihe respektive Diagonale? Könnten Sie erklären, was ein Freibauer ist? Diese Dinge lassen sich nachlesen und sollten keine grosse Hürde darstellen. Zudem dürfte es hilfreich sein, wenn Sie sich rasch auf dem Schachbrett orientieren können. Achten Sie, ob Sie beispielsweise die Felder g6 und d3 schnell finden.

Ein Primarschullehrer ist auf ein geeignetes Lehrmittel angewiesen. Für Semesterkurse empfehlen wir ganz klar die «[link blog="110" title="Stappenmethode"]». Diese besteht aus verschiedenen Stufen, wobei in Schulprojekten in der Regel aus Zeitgründen nur die erste Stufe absolviert werden kann. Viel entscheidender ist der Aufbau einer Stufe mit Trainerbuch und Arbeitsheften. Im Trainerbuch erhalten Sie als Lehrer eine kompakte Anleitung, wie professioneller Schachunterricht funktioniert. Sie profitieren von vorbereiteten Lektionen und vielen praktischen Tipps. Im Blogbeitrag «[link blog="133"]» werden wir noch genauer auf die nötige Ausrüstung für den Schachunterricht eingehen.

Schachlehrerin bei der Arbeit

Foto: Gonzalo Garcia von dieschulschachprofis.ch

Eine Lehrperson muss allerdings keine besonders gute Schachspielerin sein. Die Spielstärke von Vereinsspielern wird mit der sogenannten Elo-Zahl gemessen. Dabei gilt, je höher diese Zahl, desto besser spielt man. Diese Zahlen zu vergleichen, führt aber völlig am Ziel vorbei. Ein guter Schachspieler ist noch lange kein guter Trainer respektive Lehrer. Dennoch gibt es fortgeschrittene Klubspieler, die es für völlig ausgeschlossen halten, dass ein schwächerer Spieler den besseren Schachunterricht erteilt. Als diplomierter FIDE-Trainer und Meisterspieler bin ich in der Lage, dies zu beurteilen.

(M)eine Elo-Zahl von 2350+ ist nutzlos, wenn ich Anfänger unterrichte. Stattdessen muss ich in der Lage sein, Fragen leicht verständlich zu beantworten, welche mir manchmal als völlig plausibel erscheinen. Kurz: Es ist nicht wichtig ob ein Schachlehrer keine, 1500, 2000 oder 2300 Elos aufweist. Entscheidend ist, ob der Schachunterricht kompetent und auf kindgerechte Art und Weise stattfindet.

Ein Schachlehrer muss sich in die Lage bzw. Denkweise des jeweiligen Schülers (!) hineinversetzen können. Dabei sollten die Themen nicht zu sehr vereinfacht werden, schliesslich soll das Schach zum Nachdenken anregen. Hilferufe zu Übungsaufgaben werden idealerweise in dem Masse beantwortet, sodass der Fragesteller mit 100% Anstrengung die Lösung selbst herausfindet. Schliesslich sollen Kinder lernen, dass die wertvollen Dinge im Leben erarbeitet werden müssen. Dazu sind Einsatz und Ausdauer erforderlich. Zwischendurch mag das schwierig und anstrengend sein, aber später kommt der Erfolg.

Bitte beachten Sie unsere Wortwahl «zum Nachdenken anregen». Wir können Kinder nicht dazu zwingen, es zu tun. Sie wären ohnehin in der Lage interessiert die Schachfiguren zu betrachten und gleichzeitig Langeweile zu verspüren. Die Motivation und Begeisterung der Schüler muss echt sein. Diese zu wecken, erfordert weitreichende pädagogische Kompetenzen des Schachlehrers.

Pädagogische Kompetenzen

Wie bereits angetönt, wurde der DSB für das Schulschachpatent von ausgebildeten Schachtrainern kritisiert. Aus deren Sicht sind nur Schachtrainer in der Lage, die fachlichen Anforderungen zu erfüllen. Diese Einwände mögen teilweise berechtigt sein, übersehen allerdings die notwendigen pädagogischen Kompetenzen, wo Schullehrer in den meisten Fällen Vorteile besitzen.

Der Schachunterricht für Kinder in Schulen unterscheidet sich von dem in Vereinen. Schulklassen sind wesentlich heterogener, da der Beitritt in den Schachklub auf Eigeninitiative geschieht. So kommen Kinder mit viel Vorfreude und neugierigen Erwartungen an den ersten Klubabend. Die Grundeinstellung ist auch an Schule positiv, dennoch muss ein Schachlehrer die Kinder erstmals vom Schachspiel begeistern können. Dazu sind eine hohe Einsatzbereitschaft und ein enormes Engagement gefordert.

Peter Hug gibt immer 100% Einsatz!

Foto: Gonzalo Garcia von dieschulschachprofis.ch

Generell sollte ein Schachlehrer Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben. Dabei muss er auch mit lern- und verhaltensaufälligen Schülern umgehen können. Wie in «[link blog="128"]» dargelegt, profitieren gerade diese Kinder vom Schachspiel am meisten. Aus diesem Grund muss eine gewisse Führungskompetenz und Belastbarkeit unweigerlich vorhanden sein. Für ein angenehmes Unterrichtsklima zu sorgen, ist entscheidend, aber ein schmaler Grat. Einerseits benötigt das Schachspiel höchste Konzentration und somit ist Ruhe wünschenswert, andererseits lernen Jugendliche am meisten, wenn sie sich gegenseitig Dinge erklären. Gerade beim Schachunterricht in der Schule sollte der Frontalunterricht möglichst kurzgehalten werden und immer wieder von Spielsequenzen bzw. Übungsaufgaben unterbrochen werden.

Fazit

Ob ein klassischer Lehrer oder ein Schachtrainer Schach unterrichten sollte, kann nicht pauschal beantwortet werden. Es ist eine Kombination aus pädagogischen und fachlichen Fähigkeiten gefordert. Beide müssen zu einem gewissen Masse vorhanden sein und machen dadurch den Job eines Schachlehrers anspruchsvoll. Hybridmodelle sind durchaus vorstellbar. So könnte ein Schachtrainer die Hauptleitung übernehmen und von der Lehrperson etwas unterstützt werden.

Für Gesamtschulprojekte ist es wichtig, dass alle involvierten Lehrpersonen hinter der Idee «Schach in der Schule» stehen. Es sollten einzig Lehrer Schachunterricht erteilen, die das wirklich wollen und Spass daran haben. Nur so können Kinder vom Spiel der Könige in den Bann gezogen werden. Ob ein Schachkurs im Sinne der Kinder stattfindet, kann relativ leicht festgestellt werden. Freuen sich die Schüler auf die wöchentliche Stunde und sind sie mit Elan dabei? Führt der Abbruch einer Schachpartie zu Protesten? Beginnen Kinder auch ausserhalb der Stunde, über Schach zu sprechen? Falls Sie diese Fragen mit ja beantworten können, dürfte das Projekt voll ins Schwarze treffen.

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